Rote Radler

Als 1993 in Berlin die erste Weltmeisterschaft der Fahrradkuriere stattfanden säumten etwas 100.000 Zuschauer:innen die Strecke. Der leider viel zu früh verstorbenen Chef des Berliner Kurierdienstes Messenger Berlin1, Achim Beier2, hatte die Idee dazu und mit Kolleg:innen umgesetzt und die Veranstaltung im Stadtzentrum situiert. Fahrradkuriere, die erst seit wenigen Jahren durch Berlin rollten, waren schlagartig im Blickfeld der Bevölkerung.

Aber Kuriere auf Fahrrädern transportierten schon sehr viel länger Dokumente und andere Dinge durch unsere Städte. In New York flitzten schon in den 1970er Jahren Bike-Messenger durch die Strassenschluchten und in München begann die Ära der europäischen Fahrradkurierdienste im Jahr 1985 mit Gründung von Fahrrad Kurier München durch Kurt Wolfram 3. Vor dem Fall der Mauer begann auch 1989 in Berlin mit Gründung von Messenger Berlin durch Achim Beier die Zeit der schnellen und flexiblen Warenlieferung durch Fahrradkuriere.

Und doch muss ich allen Träumen, dass wieder einmal ein Trend aus dem Land der Unbegrenzten Möglichkeiten ins Alte Europa herüber geschwappt sei den Zahn ziehen. Die ersten Fahrradkuriere trugen eine Rote Jacke und eine Kappe mit dem Logo RR, radelten ab 1910! als die Rote Radler durch verschiedene Städte im süddeutschen Raum.

Das Dienstmann Institut Rote Radler transportierte auf zwei und/oder drei Rädern Waren nicht nur durch die Hauptstadt Bayerns sondern auch in Stuttgart, Freiburg und Regensburg. Irgendwann wurde dieses zukunftweisende Dienstmann Institut Rote Radler dem motorisierten Verkehr und dem Warentransport in der Stadt geopfert. Die Firma entwickelte sich hin zu einem Umzugsunternehmen, heute in Freiburg beheimatet ist und bis heute den Namen „Rote Radler“ trägt.

Christian Ude 4, langjähriger und legendärer Oberbürgermeister von München, hat den „Roten Radler“ einen Text gewidmet. Dieser Text wiederum nimmt Bezug auf die humoristische Satire des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma von 1911 „Der Münchner im Himmel“.

Dort wird der Schwank um den Dienstmann Nr. 174, Alois Hingerl, und seinem angespannten Verhältnis zu den „Roten Radler“ erzählt: Alois Hingerl 5, der „Münchner im Himmel“. Er war so geschockt, dass er bei der Himmelspforte gleich nach Petrus einem „Roten Radler“ begegnen musste, dass er erst seiner Verwunderung Ausdruck verlieh („Kemmt’s ös da rauf aa?“) und dann seinem Zorn: „Lausbua mistiga!“. Zum krönenden Abschluss haute der Dienstmann dem Radler sein Himmelsinstrument um die Ohren, weil er ohnehin davon genervt war, zum Harfenklang dauernd „Hosianna“ singen zu müssen. Der Ausgang dieser Geschichte um Engel Aloisius erleben wir Tag aus, Tag ein bei Pressekonferenzen mit aktuellen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder.

Aber daran sind nicht die „Roten Radler“ Schuld!

P.S.: Eigentlich sollte dieser Beitrag über eine kommunistische oder arbeiterbewegte Fahrradbrigade handeln, so war mein Denkansatz zumindest als ich in meinem Lieblingscafé die Stichworte „Kuhle Wampe“ und „Rote Radler“ bekam nachdem ich mich über Fantasielosigkeit und mangelnde Anregungen meinerseits zum Themen „Fahrradfahren“ geäussert hatte. Umwege, auch beim Denken, führen bekanntlich auch zu einem Ziel. Ob es das anvisierte ist oder ein zufälliges merkt der Aussenstehende oder die Aussenstehende erst nach Hinweis auf die korrekte Streckenführung. Beim Schreiben eines Blogs verhält es sich wie bei einer Radtour, erst die Umweg ergeben das Abenteuer und das Erlebnis.


1 Link zur Firmengeschichte von Messenger Berlin

2 Link zu Achim Beier

3 Link zu Kurt Wolfram

4 Link zum Text von Christian Ude

5 Link zu wikipedia

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