ECMC 2018 in Szczecin

titelFreitag, 3. August 2018,

stand der Group-Ride von Berlin nach Szczecin zur European Championship of Messenger Courier 2018, kurz ECMC2018, auf dem Programm. Dieses Jahr haben wir Fahrradkurier*innen in Berlin und Umgebung irgendwie einen riesigen Dussel! Seit Monaten ein Traumwetter und alle wichtigen Events, die mit Fahrradfahren und Kuriertätigkeit zu tun haben, rundum an der Ostsee. Den Anfang der Rundreise begann also am Freitag mit der Fahrt nach Szczecin (Polen) kurz hinter den Toren Berlins. Danach kommt das Vorbereitungstreffen auf die Weltmeisterschaft in Helsinki (Finnland), dann kommt die WCMC in Riga und den Abschluss macht die DMFK in Greifswald. Naja, Riga liegt ja nicht direkt am Meer. Aber die Anreise mit dem Schiff ist möglich und auf jedem Fall die entspannteste Art zu reisen, selbstverständlich nach dem Fahrradfahren.

Der Treffpunkt für unseren Group-Ride nach Szczecin lag im Volkspark Friedrichshain. Dort, wo am Abend vorher eine Vorbereitungsparty stattgefunden hatte. Um 9 Uhr, als ich dort ankam, tummelten sich noch die Reste der Nacht unter einem riesigen Baum. Einige hatten es vorgezogen einfach mit Fahrrad und Gepäck am Ort der Party die Nacht zu verbringen um am nächsten Morgen auch tatsächlich pünktlich zu sein. Unter dem riesigen Baum standen auch einige Kartons mit Bananen, Müsliriegeln und jede Menge Zutaten für ein gesundes Frühstück. Nicht nur die Überbleibsel vom Vorabend nutzen die Gelegenheit für ein gesundes Frühstück. Auch ich bediente mich und schaufelte reichlich Kalorien in mich hinein. Später stellte Kate, eine Mitfahrerin, fest, dass sie auf der Fahrt 5.350 Kalorien verbrannt hatte und diese eigentlich wieder zu sich nehmen müsste, was aber schier unmöglich sei.

Franziskus hat die gemeinsame Fahrt nach Szczecin wie auch die Party organisiert. Er hatte mich gebeten die Routenplanung zu übernehmen. Sandra und Kim stellten ihren neu erworbenen Bus als Gepäcktransporter zur Verfügung, so das alle Teilnehmer*innen ihre Rucksäcke und Messenger-Bags nicht tragen mussten. Um 10 Uhr sollte es losgehen, schließlich müssen ca. 180 Kilometer bei Temperaturen um 35° – wohlgemerkt im Schatten – erst einmal gefahren sein. Aus 10 Uhr wurde ungefähr 11:30 Uhr als sich die Herde, bestehend aus ca. 50 Fahrer*innen, langsam in Bewegung setzte. Alle möglichen Fahrräder waren am Start. Von Fixed bis Lastenrad reichte die Bandbreite der fahrbaren Untersätze, die sich den Weg raus aus Berlin bahnten. Ich habe mir meine Single Speed für diese Fahrt ausgesucht. Mit dabei waren eine Gruppe der Radkuriere Karlsruhe (Karlsruhe war Ausrichter der DMFK2017), die mit zwei BOB-Yaks auf dem Weg zur WM nach Riga waren, eine Fahrradkurierin aus Bogotá (Kolumbien) und noch unendlich viele Mitfahrer*innen, die nicht aus Berlin und/oder Deutschland kamen. Wir waren eine schöner großer, bunter Haufen an hochmotivierten Fahrern. Einige der Teilnehmer*innen hatte vorher noch keine so lange Ausfahrt unternommen, aber in einer Gruppe ist alles einfach: Mensch hat Fahrtwind, Unterhaltung mit dem oder der Nachbar/in, entdeckt neue Landschaften und kann sich seine Gruppe suchen, die die gleiche Geschwindigkeit rollt. Und so war es dann auch. Kaum hatten wir bei Bernau Berlin ein Stück hinter uns gelassen wurde an der Spitze das Tempo von lockeren 25/27 km/h auf 35/40 km/h angezogen und der Peloton zerstückelte sich in mehrere Grüppchen. Vorne wurde geballert und im Hinterfeld wurde mehr dem Genuss gefrönt und entsprechend entspannt gefahren.

Der erste Stopp war bei NETTO Supermarkt in Oberberg, ca. 70 km nach Beginn der Tour, eingeplant. Die erste Gruppe, zu der auch ich gehörte, stürmte nach Ankunft auf dem Parkplatz den Supermarkt. Eis, kalte Getränke, Obst und jede Menge Junk-Food wurde von den Fahrer*innen gekauft. Danach lagerten wir neben dem Parkplatz im Schatten eines Wohnblocks auf einer Wiese und futterten Eis, Chips, Schokoladenriegel und alles was süß und eigentlich ungesund ist. Eigentlich war vor Oderberg ein Stopp zum Baden im Finow-Kanal eingeplant. Da aber niemand Lust dazu hatte waren wir ohne Stopp von Berlin nach Oderberg gefahren. Jetzt lagen wir auf der Wiese und fragten uns wo den der Rest der Herde verblieben war. Wo so häufig in Brandenburg hatte keiner von uns Empfang mit seinem Mobiltelefon. Zum Glück hatte Paul von Fahrwerk Kurierkollektiv sein Funkgerät dabei und so erfuhren wir, dass eine Gruppe bei Rossmann in Eberswalde und eine andere Gruppe irgendwo in der Stadt entspannte. Wir, das waren 20 Personen, waren also jetzt in Oderberg und machten Pause. Eine Gruppe von 10 Personen rastete bei Rossmann in Eberswalde und wollte ganz entspannt und gemütlich irgendwann weiter in Richtung Szczecin fahren. Zu dieser Gruppe war auch Robert mit seinem Bullitt gestossen, der Berlin – Eberswalde mit der Bahn gefahren war. Und die letzte Gruppe, bestehend aus 20 Fahrer*innen hatte sich entschlossen den Rest der Strecke total entspannt mit der Bahn zurückzulegen.

Wir hatte in Oderberg gerade unsere Pause beendet und wollte losfahren als Kate und Kim angerollt kamen. Wir hatte die beiden zuletzt in Eberswalde gesehen als wir auf den Radweg neben dem Finowkanal einbogen. Danach müssen wir sie oder sie uns irgendwie verloren haben. Diesmal verloren wir beim Losfahren vom Parkplatz die beiden Karlsruher Fahrradkuriere mit ihren BOB-Yaks. Sie hatten uns noch hinterhergerufen, dass die Wasserflaschen auf ihren Anhängern noch nicht richtig befestigt waren, da waren wir schon ausser Hörweite und ballerten erst über die Landstrasse und später den Oder-Neisse-Fernradweg zum nächsten Ziel, dem Parkplatz des NAHKAUFs in Schwedt/Oder. Dort stiessen die beiden dann auch wieder zu uns. Da sie kein Navi und somit keinen Track hatten sind sie einfach über die Bundesstrasse gedüst. Wir sind schön abseits des Autoverkehrs an der Oder bzw. dem Kanal auf dem Oder-Neisse-Fernradweg gefahren. Das Tempo in der Gruppe wurde wieder auf schlappe 35/37 km/h angezogen. 10 Kilometer vor Schwedt/Oder war bei mir die Luft raus und ich musste mich zurückfallen lassen. Immerhin kam ich noch vor den beiden BOB-Yaks-Anhänger-Piloten auf dem Parkplatz des NAHKAUFs in Schwedt an. Auch hier mampften wir das unendlich gesunde Junk-Food der Fahrradfahrer*innen: Eis, Cola, Gummibärchen, Schokoladenriegeln, Kartoffelchips und alles was es sonst so die Regale an Kalorienbomben hergibt. Die ersten 110 Kilometer waren geschafft. Es lagen nur noch schlappe 70 Kilometer vor uns bis Szczecin.

Gemeinsam verliessen wir das schöne Schwedt/Oder und bogen erneut auf den Oder/Neisse-Fernradweg ein. Und sofort wurde das Tempo wieder angezogen. Diesmal waren es die Kurier*innen aus Karlsruhe, die unbedingt um 20 Uhr an der Critical Mass in Szczecin teilnehmen wollten, die Dampf machten.

Ungefähr 20 Kilometer hinter Schwedt drehte ich mich um und hielt Ausschau nach Kate und Kim. Ich musste feststellen, dass wir sie erneut verloren hatten. Ich stoppte und nach einigen Minuten kamen die beiden Mädels plaudernd angerollt und wir fuhren gemeinsam weiter. In Gartz standen Hinweisschilder für eine Umleitung des Fernradwegs wegen Bauarbeiten denen wir folgen sollten. Wir taten wie uns geraten und das Ergebnis war ein riesiger, unnötiger Umweg von ca. 5 bis 8 Kilometer. Wären wir mal besser einfach über die B2 gefahren. Es wäre zwar mehr Verkehr gewesen, aber wir hätten einiges an Zeit und Kilometer gespart. Trotzdem erreichen wir um 20:15 Uhr die Turnhalle an der Generala Józefa Sowinskiego in Szczecin. Dort warteten bereits Sandra, Jonny und Tamara auf uns drei und auch der Bus stand auf dem Hof und das damit transportierte Gepäck stapelte sich bereits in der Turnhalle. Die Turnhalle an der Generala Józefa Sowinskiego war die offizielle Unterkunft für alle Teilnehmer*innen. Wir hatten allerdings andere Pläne. Kim, Sandra und Jonny nutzen ihren Bus als Wohnmobil und wollten die Nächte im Bus auf dem Hof der Turnhalle schlafen um die Sanitärräume zu nutzen. Kate, Tamara und ich hatten uns für das CUMA (der polnischen Variante einer Jugendherberge) entschieden um dort zu pennen. Die beiden Mädels schulterten ihr Rucksäcke und wir fuhren durch die Stadt zu unserer Unterkunft. Vorher wechselten wir noch Euro in Zloty, da in Sczcecin wie in ganz Polen nur mit Zloty gezahlt werden kann. Im CUMA bekam ich eine Lehrerzimmer, also ein Einzelzimmer, mit Badezimmer, Radio und TV, während Tamara und Kate zu zweit einen Gruppenraum für 10 Personen bekamen.

Wir haben kurz geduscht und schon ging es mit den Rädern wieder quer durch die Stadt zur Party-Zone neben dem Kana Theater, das direkt an der Trasa Zamkowa Imienia Piotra Zeremby, der monumentalen Brücken- und Strassenanlage zwischen Altstadt und Hafen, liegt. Auf einer Freifläche neben dem Kana Theater war eine Bar aufgebaut und eine einsamer Food-Truck stand auch dort.

38738293_2003373556360425_2931735974645858304_nMensch muss wissen, dass das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit in Polen verboten ist. Die Organisatoren hatten allerdings für den Park Zeromski und die Party-Zone eine Ausnahmegenehmigung erhalten und so durften wir in der Öffentlichkeit unsere Bierchen zischen. Zum Glück suchten wir uns gleich einen Platz in der Schlange vor dem Food-Truck und irgendwann nach gefühlten 100 Stunden Wartezeit bekam ich eine Tüte Pommes auf die mein hungrig knurrender Magen sich freute. Ruckzuck waren sie verputzt und mit einigen Flaschen kühlen Bieres und einigen Wodka hinabgespült. Gegen 2 Uhr in der Nacht, tausend freudigen Umarmungen und hundert Gesprächen in Deutsch und Englisch oder auch wild durcheinander, ging es zurück zum CUMA, dort unter die Dusche und danach ins Bett.

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Nach 187 Kilometer Group-Ride durch die Hitze Brandenburgs schlief ich sofort ein und wachte erst am Morgen gegen 8 Uhr auf.

Hier der Track zur gefahrenen Route: ECMC2018

 

Samstag, 4. August 2018

In der Nacht hatte ich Krämpfe im Oberschenkel und in den Waden. Ich hatte die Magnesium-Tabletten zuhause auf dem Tisch stehen lassen und nicht wie geplant im Rucksack verstaut. Jetzt verlangte meine Körper danach und ich konnte ihn nichts zugute kommen lassen. Deshalb die Krämpfe. Ich zweifelte, ob ich am Rennen teilnehmen könne.

Wir drei Bewohner*innen des CUMA trafen und im Garten der Jugendherberge, holten unsere Fahrräder aus dem Keller und fuhren durch die Stadt zum Frühstücken ins Piwnica Kany, einem Kellerlokal direkt neben dem Kana Theater und der Party-Zone. Dort gab es veganes Frühstück auch für die „nicht registrierten Teilnehmer*innen“. Also durfte Kate auch mit zum Futtern. Vorher hatten wir uns noch bei einem Coffee-Bike an der Waly Chrobrego mit heißen, dampfenden Kaffee versorgt. Der Tag konnte starten.

Nach dem Frühstück fuhren wir zum Hauptquartier um uns dort mit anderen zu treffen. Auch Kim und Sandra hatten ihren Bus in der Nähe geparkt. Auch auf der Fahrt zum Frühstücksort und zum Hauptquartier hatte Krämpfe im Oberschenkel und so rang ich mich zu der Entscheidung durch nicht am Rennen teilzunehmen und meine Registrierung verfallen zu lassen.

Es wäre sowieso ein Fiasko geworden. Der Kurs verlief Kreuz und Quer durch den Park Zeromski, zu 75% auf Schotterwegen aus Hochofenschlacke, über eine Treppe und die Admiralska hinunter zum Hafen an der Oder und dann natürlich auch wieder hinauf zum Park.

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Der Strassenbelag bestand auf der Ab- und Auffahrt der Amiralska aus Kopfsteinpflaster mittlerer Qualität, aus sehr glattem Asphalt im Park und Schotterwegen im Park. Zudem verlief der Kurs über unzählige Bordsteine, Kanten und Gullydeckel, sodass Fahrer*in ständig darüber hüpfen musste. In den Bremszonen vor den Checkpoints, engen, scharfen Kurven oder Treppen wurde das Geläuf immer tiefer. Zudem war im Parcours eine Treppenanlage eingebaut, die höchste technische Fertigkeiten an die Teilnehmer*innen stellte. Die Teilnehmer*innen mit Cross-Rädern oder MTBs waren hier klar im Vorteil. Mit Rennrad, egal ob Schaltung, Fixed oder Single, war Fahrer*in angeschissen. Es gab unzählige Plattfüße und defekte Felgen. Zum Glück gab es so gut wie keine Stürze und die wenigen waren eher harmlos.

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Ab Samstag Mittag tauchten immer mehr Wolken am Himmel über Szczecin auf und irgendwann am frühen Nachmittag hörten wir eine leises, entferntes Grollen. Erst dachten wir es wäre die Strassenbahn, die mensch durch die Bäume vorbeirattern sah. Ab das Grollen kam immer näher und aus dem Grollen wurde ein richtiges Gewitter. Mit dem Gewitter ergoß sich ein heftiger Wolkenbruch über dem Park.

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Durch den Regen wurden die Asphaltflächen rutschig als hätte jemand Schmierseife darüber ausgeschüttet, das Kopfsteinpflaster wurde glitschig und das tiefe Geläuf der Schotterwege im Park verwandelte sich in eine morastige Schlammpiste.

Für uns Berliner war es der erste Regen seit Wochen und ich glaube, so wie ich, haben viele das kühle Nass genossen.

Nach knapp einer halben Stunde war das Sommerwunder vorbei. Die Sonne kam wieder zwischen den Wolken zum Vorschein, der Park fing an zu dampfen und überall tauchen Regenbögen zwischen den Bäumen auf. Trotz Nässe, Schlamm und Dreck war die Stimmung bei allen Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen prächtig und am Abend war wieder Party angesagt.

An diesem Abend fuhr ich nicht zur Party-Zone sondern ins Kulturzentrum Stara Rzeznia im Stettiner Hafen. Ich war verabredet und als ich im Hafen ankam war es dort die Hölle los. Ich hätte es mir eigentlich denken können: Es war Samstag, zudem ist auch in Polen Ferienzeit und der Teil des alten Hafens ist das neue Ausgehviertel von Szczecin. Es war brechend voll und die Wartezeit auf die Getränke und das Essen waren enorm. Dazu kam noch, dass Elizabetha wegen eines hohen Tieres aus der polnischen Kulturpolitik, das sich kurzfristig angekündigt hatte, nur kurz „Hallo“ sagen konnte. Somit war unser gemeinsames Essen und der gemeinsame Abend über die Kaimauer ins Hafenbecken geplumpst. Die Zeit ein Bier miteinander zu trinken und einen neuen Termin zu verabreden haben wir hatten allerdings doch noch gefunden. Diesmal werden wir uns nicht an ihrem Arbeitsplatz treffen!

An einer Strassenkante auf dem Weg zurück ins CUMA handelte ich mir einen Plattfuß ein. Ich hatte die Bordsteinkante schlichtweg übersehen und bin voll darüber gerumpelt. Das Vorderrad konnte ich noch leicht anlupfen aber das Hinterrad, das ja die volle Last trägt, ist ungebremst dagegen gekracht. Das Ergebnis dieser Unachtsamkeit war, dass das Hinterrad ohne Luft war. Es sollte nicht der letzte Plattfuß dieser Ausfahrt nach Szczecin bleiben. Obwohl, auf der Hinfahrt hat es bei keinem/r Mitfahrer*in einen schlagartigen oder schleichenden Verlust des Reifendrucks gegeben.

IMG_0795IMG_0799Gegen 2:30 Uhr lag ich geduscht und mit einer Dose Bier im Bett, lies den Tag Revue passieren. Im Fernseher lief ein Film mit Charles Bronson auf Polnisch. Einfach genial!

 

Sonntag, 5. August 2018

Sonntag war mein letzter Tag in Szczecin und sollte mein Rückreisetag nach Berlin werden. Irgendwie habe ich mich auf die 200 Kilometer zurück nach Berlin-Mariendorf gefreut. Ich wollte so gegen 16 Uhr aufbrechen und hatte mir vorgenommen vier Stunden zu fahren, einen Stopp zum Essen einzulegen um dann den zweiten Teil der Strecke in Angriff zu nehmen. Kurz vor Mitternacht wollte ich zuhause eintrudeln. Aber es sollte ganz anders kommen. Dazu jedoch zu einem späterem Zeitpunkt.

Zuerst war jedoch Frühstück angesagt, denn wir drei Bewohner*innen des CUMA waren nach der letzten Nacht hungrig wie Wölfe. Wir, das waren Tamara, Kate und ich, und fuhren nach dem Checkout im CUMA in die Generale Ludomila Rayskiego, knapp einem Kilometer von der HJ entfernt, zum ehemaligen Café Stojaki. So hiess es vor seiner Schliessung und war nach meinem Empfinden das beste Café in Szczecin mit einen sehr guten Kaffee und vor allem, einem veganem Frühstück und veganen Kuchen. Also alles war Mensch so braucht: Unmengen an Müsli-Varianten, Sandwiches, belegten Brötchen, Croissants und am Nachmittag gab es eine umfangreiche Auswahl an Torte und Kuchen. Ich war dort schon mit allen meinen Freund*innen, die mich auf meinen Touren nach Szczecin begleitet hatten wie Martin oder Andrea.

Diesen Sonntag gab es dort nur Müsli und natürlich guten Kaffee. Es war nicht wie früher. Alleine das Warten auf den Kaffee nahm eine Ewigkeit in Anspruch. Irgendwann fragte Tamara: „Gibt es in Szczecin eigentlich Fahrradkuriere?“ Zuerst dachte ich: Welche eine dämliche Frage! Aber dann fiel mir Greifswald und die DMFK2018 ein. Dort gibt es keine Fahrradkurier, sondern nur die berühmten Flamingos! Also war die Frage von Tamara berechtigt. Und just in diesem Moment kam eine kleine Herde von ungefähr zehn Fahrradkurier*innen mit riesigen Kuriertaschen auf dem Buckel die Strasse gemütlich entlang gerollt. Fragen?

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Gestärkt fuhren wir in den Park Zeromski um unsere alten und neuen Freund*innen und Kurier*innen zu treffen, dem Finale beizuwohnen und die Teilnehmer*innen anzufeuern. Diesmal suchten wir uns einen Platz bei der Treppenabfahrt. Es hatte sich herumgesprochen, dass dort die meisten spektakulären Aktionen stattfinden. So sollte es auch werden. Alle Varianten dieses Hindernis zu überwinden uns gezeigt. Einige bretterten mit Vollgas die Treppenstufen hinunter, einige trugen das Fahrrad getragen, mit einer Hand oder auf der Schulter, langsam und Stufe für Stufe oder im Schweinsgalopp, oder es wurde mit einem Bunnyhopp auf das seitliche Treppenmäuerchen gehüpft und das Mäuerchen hinabgefahren und am Ende mit einem Jump auf die Strasse gesprungen und, und, und.

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Und das Volk rechts und links der Strecke johlte, klatschte und brüllte die 98 Teilnehmer*innen des Finales zu Höchstleistungen. Nach drei Stunden Kampf auf der Strecke um Punkte, Aufträge und vor allem mit dem eigenen Schweinehund bei den Finalist*innen und Party auf den Rängen neben der Piste ging das Finale zu Ende.

Ich behaupte einmal, dass neben den Kurier*innen aus Polen die meisten Fahrradkurier*innen aus Berlin kamen. Die größte Abordnung einer Kurierbude dürfte von Fahrwerk Kurierkollektiv gekommen sein, gefolgt von COSMO und dann kam ExBo. Von Messenger, für die ich zur Zeit fahre, waren ausser 44 und mir niemand da den ich kannte. Auch habe ich niemand von Twister oder Spinning Wheels in Stettin gesehen. Aber auch ich kam nicht alles sehen oder überall sein!

Ich verabschiedete von allen und rollte etwas traurig aus dem Park Zeromski hinaus in die Stadt, durch die Innenstadt hindurch und über den Radweg neben der breiten Ausfallstrasse hinaus aus der Stadt. Nach ca. 20 Kilometer, ich hatte die Stadtgrenze Szczecin schon weit hinter mich gelassen, lag auf der Landstrasse eine fette, rostige Mutter. Ich sah sie im letzten Moment. Mit der Vorderrad konnte ich gerade noch ausweichen, aber das Hinterrad hoppelte volle Kanne über das Hindernis. Ergebnis: ein Plattfuss!

Ich hielt an um den Schaden zu beheben, musste allerdings feststellen, dass ich den letzten intakten Schlauch am Abend vorher verbraucht hatte und keine Flicken mehr in der Reparaturdose lagen. Jetzt war ich angeschissen! Was machen? Da erinnerte an einen YouTube-Hack. Ich suchte beim defekten Schlauch das Loch, schnitt den Schlauch an dieser Stellen entzwei und verknotete ihn. Jetzt war er zwar etwas kurz aber passte immer noch über die Felge in den Mantel. Ich musste ihn nur noch aufpumpen und hoffen, dass der Trick funktioniert. Und er funktionierte. Der Knoten hielt die Luft im Schlauch. Allerdings war beim Fahren der Knoten wie eine Beule im Reifen spürbar.

Ich konnte so zurück nach Szczecin und in den Park Zeromski fahren, zwar langsam und sehr, sehr vorsichtig, denn einen nochmaligen Plattfuß wollte ich mir nicht einhandeln. Ich schaffte es und zur Überraschung aller bei denen ich mich vor ca. drei Stunden verabschiedet hatte tauchte ich im Park wieder auf. Keiner glaubte mir den Trick mit dem Knoten im Schlauch, sodass ich den Knoten am Montag Morgen, vor der Arbeit, beim Wechsel mit einem intakten Schlauch fotografierte und somit diesen genialen Trick dokumentieren konnte.

Das Ende ist dann schnell erzählt. Um 19:51 Uhr fuhr der überfüllte Regionalexpress mit Kate, meiner Person und unseren Rädern von Szczecin zurück nach Berlin-Lichterfelde. Vor dort nahmen wir unsere Räder und rollten gemeinsam durch die heiße, leere Stadt nach Hause.

P.S.: Ich möchte mich bei allen bedanken, die Bilder zu diesem Beitrag beigesteuert haben! Merci nochmals!

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