Radrennbahn Schöneberg

2005 wurde mit dem Abbruch der letzten offenen Radrennbahn in Berlin begonnen. Die Bahn am Sachsendamm war Teil des Sportzentrums Schöneberg und stand zum Zeitpunkt des Abbruchs unter Denkmalschutz. Es war die zweite offenen Radrennbahn nach der Bahn im Werner-Seelenbinder-Sportpark in Neukölln und die erste wettkampftaugliche Bahn im Nachkriegsberlin.

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Heute befindet sich auf dem Areal ein schnöder Möbel Höffner.

Als einziges Zeugnis an den Standort der Radrennbahn steht heute der ehemalige Wettkampfturm etwas versteckt auf dem Gelände.

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Im Jahr 1953 wurde mit der Errichtung des Sportzentrums Schöneberg am Sachsendamm begonnen. Die Rennbahn, die Tribünen, der Turm der Kampfrichter, die Sporthalle, die Schwimmhalle und das Casino wurden von dem Architekten Friedrich Schrell geplant.

Die Radrennbahn hatte einen Betonbelag, war 333,33 Meter lang und verfügte über eine 7,30 Meter breite Fahrbahn mit einer Kurvenüberhöhung von 39°. Die Bahn war auf eine Geschwindigkeit von 120 km/h ausgelegt.

Am Sonntag, dem 3. Mai 1959, wurde mit Sprintrennen und einem Zweier-Mannschaftsfahren der Eröffnungsrenntag feierlich begangen. Auch der spätere französische Meister von 1968 André Gruchet ging in einem der Sprintrennen am Eröffnungsrenntag an den Start.

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schoeneberg02schoeneberg031978, schon 19 Jahre nach der Eröffnung, war die Radrennbahn so marode, dass eine Grundrenovierung erfolgen musste. Die Bahn wurde vom bekannten Architekturbüro Schürmann aus Münster im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für 4,92 Millionen D-Mark modernisiert. Dass in Fachkreisen die Schöneberger Radrennbahn nach der Renovierung als schnellste und beste offene Bahn in Deutschland gelobt wurde, war dem Einbau von Afzelia-Holz, das extra aus Afrika importiert wurde, als Bahnbelag zu verdanken. Afzelia-Holz ist deutlich härter als Teakholz oder Eiche und wird von Radrennbahnbauern wegen des geringen Reibungswiderstands und der Beständigkeit als Bahnbelag für offene Radrennbahnen bevorzugt. Auf der 333,33 Meter langen Bahn konnten Durchschnittsgeschwindigkeiten von 83 km/h erzielt werden.

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Ab 1999, also wiederum 19 Jahre nach der Grundsanierung der Bahn, waren die Tribünen mit 4.000 Sitzplätzen und die Holzfahrbahn so marode, dass sie wegen Einsturzgefahr gesperrt werden mussten. Nur die Rasenfläche im Innern des Ovals konnte der FC Internationale Berlin noch regelmäßig für Fussball nutzen. Investitionen in Millionenhöhe wären nötig gewesen, um die Anlage mit Casino und Schwimmbecken wieder nutzbar zu machen. Da seit 1997 das Velodrom, das im Rahmen der erfolglosen Berliner Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2000 errichtet wurde, für den Bahnrennsport zur Verfügung stand, sah der Berliner Senat keinen Bedarf für eine zweite Radrennbahn in Berlin.

Die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg beschlossen den Abriss der Anlage trotz Denkmalschutz zuzustimmen, falls sich ein Investor für das Areal fände. Im Gespräch waren seinerzeit Pläne für eine Sportarena mit 16.000 Plätzen. Den Zuschlag im Bieterverfahren erhielt jedoch ein Möbelhaus. Am 24. Mai 2004 beschloss das Abgeordnetenhaus von Berlin die Aufgabe des Sportstandortes „Radrennbahn Schöneberg“.

Auszug aus: „Vorlage zur Beschlussfassung – Aufgabe des Sportstandortes „Radrennbahn Schöneberg“ gemäß § 7 Abs. 2 Sportförderungsgesetz zwecks Ansiedlung von großflächigem Einzelhandel – Möbelhaus“ des Abgeordnetenhauses Berlin vom 24. Mai 2004: „Mit dem geplanten Möbelhaus (Verkaufsfläche von mehreren zehntausend Quadratmetern) wird an diesem Standort, der auch aus der Sicht des erstellten handelsstrukturellen Gutachtens für großflächigen Einzelhandel bestens dafür geeignet ist, ein städtebaulich attraktives Möbelhaus mit hochwertigen Waren und mit überregionaler Ausstrahlung weit über die Grenzen Berlins hinaus entstehen. Der Wirtschaftsstandort Berlin würde weiter gestärkt, Bauinvestitionen im Millionenbereich werden getätigt und mehrere Hundert Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem fließen dem Landeshaushalt dringend benötigte Einnahmen aus der Vermögensaktivierung zu.“

2005 erfolgten die Abbrucharbeiten. Das Berliner Architekturbüro Büro West erstellte hierzu eine Dokumentation, die verdeutlicht welchen Stellenwert die Radrennbahn und ihre dazugehörigen Gebäude nicht nur unter radsportlichen Gesichtspunkten hatte sondern auch die architektonische Qualität der Anlage.

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Das Kapitel „Mit dem Bahnrad unter freiem Himmel auf einer Radrennbahnen in Berlin fahren“ wurde mit dem Abbruch der Radrennbahn am Sachsendamm geschlossen und so ist es bis heute.

Noch existiert in der Nähe von Berlin die Freiluft-Radrennbahn in Fredersdorf-Vogelsdorf, die Heimat des RSG „Sprinter“ Fredersdorf e.V.. Die Bahn wurde 1956 erbaut. Die Länge beträgt 333 m, die Kurvenüberhöhung 21°. Der Belag besteht aus Bitumen.


P.S.: Bilder mit Aktivitäten auf der Radrennbahn Schöneberg haben wir vom RC Charlottenburg e.V. von 1883, dem ältesten Radsportverein Berlins entnommen. Das Archiv bietet eine wahre Fülle von historischen Aufnahmen der Radsports in Berlin.

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