Radrennbahnen in Berlin

Berlin war bis in die 1920er Jahre ein Mekka des Bahnradsports. Die Liste der nicht mehr existierenden Radrennbahnen ist lang. Mit dem Abbruch der Radrennbahn am Sachsendamm im Jahr 2005, dem letzten in Berlin existierenden Freiluft-Oval, endete die 1882 begonnene Tradition der offenen Radrennbahnen.

Heute verfügt Berlin nur noch über eine einzige Radrennbahn, im VELODROM, einer Veranstaltungshalle in Prenzlauer Berg. Aber dazu an einer anderen Stelle mehr.

Heute möchte eine Übersicht auf die Fülle der Radrennbahnen in Berlin geben.

  • 1881, Flora in Charlottenburg, ein offener 628 Meter langer Parkweg ohne Kurvenerhöhung. Auf diesem Weg fand am 7. August 1881 vor 2500 Zuschauern das erste „Bahnrennen“ in Berlin statt.
  • 1881 bis 1883, Hippodrom am Zoo, eine 523 Meter lange offene Sandbahn ohne Kurvenüberhöhung. Das Eröffnungsrennen der ersten als ständig gedachten Bahn fand am 25. Juni 1882 vor rund 2.000 Zuschauern statt. Die Bahn erwies sich jedoch als untauglich, da sie keine Kurvenerhöhung hatte.

Diese beiden „Radrennbahnen“ können als Vorläufer der ab 1882 erbauten Spezialrennbahnen für Bahnradrennen angesehen werden.

  • 1882 bis 1891, die Spezialrennbahn zur Veranstaltung von Velociped-Wettfahrten an der  Brückenallee (heute Bartningallee im Hansaviertel), eine 350 Meter lange offene Bahn mit Lehmbelag.  Betreiber war der Verein für Velociped-Wettfahrten unter seinem Vorsitzenden T. H. S. Walker, der bis 1891 existierte, genau so lange wie die Radrennbahn. Das erste Rennen fand am 24. Mai 1885 mit dem Großen Preis von Berlin statt. Sieger war Johannes Pundt.
  • 1891 bis 1900, Radrennbahn in Halensee, das 500 Meter lange offene Oval mit Asphaltbelag und 2 Meter Kurvenüberhöhung war Berlins erste Radrennbahn auf der vor internationalem Publikum ein internationales Fahrerfeld Rennen fuhr.
  • 1896 bis ?, Radrennbahn in Zehlendorf, eine 333,3 Meter lange offene Bahn mit Zementbelag und  eine Kurvenüberhöhung von 2,5 Meter. Die Bahn wurde 1904/1905 modernisiert. 1911 stürzte hier der Rennfahrer Fritz Theile während eines Steherrennens tödlich.
  • 1897 bis 1902, Radrennbahn am Kurfürstendamm, eine offene 500 Meter Bahn mit 4 Meter Kurvenüberhöhung und einen Zementbelag. Die Bahn soll besonders für Sprint-Rennen geeignet gewesen sein.
  • goldenes-rad-von-friedenau_1900-011897 bis 1904, Radrennbahn Friedenau, ein offenes Oval mit Zementbelag. Sieger des Eröffnungsrennens Großer Preis von Berlin war Willy Arend. Die Bahn war besonders für Steherrennen geeignet. 1901 war die Radrennbahn Austragungsort der Bahn-Weltmeisterschaften.
  • 1899 bis 1926, Radrennbahn Treptow, das im Volksmund Nudeltopp genannte offene Sandbahnoval wurde 1904/1905 modernisiert. Zwei Rennfahrer stürzten tödlich auf ihr, ein Trainer verunglückte tödlich im Innenraum.
  • steglitz_19101905 bis 1910, Radrennbahn Steglitz, ein offenes 500 Meter Oval mit Zementbelag. Sie wurde an der Körnerstraße nach Plänen des Ingenieurs Ebersold aus Magdeburg erbaut. 1908 fand auf ihr die Profi-Wettbewerbe der Bahn-Weltmeisterschaften statt. Auf dem Gelände befand sich auch die legendäre „Villa Theile“ des Berliner Radrennfahrer Fritz Theile. Sie war ein beliebter Treffpunkt der damaligen Radsport-Szene.
  • 1907 bis 1909, Radrennbahn Spandau, die Am Fehrbelliner Tor in Spandau gelegene Bahn wurde schon nach zwei Jahren mangels Zuspruch wieder abgerissen.
  • botanischer-garten-bau1909 bis 1910, die Radrennbahn im Sportpark „Alter Botanischer Garten“ (an der Potsdamer Strasse) war die erste offene Holzbahn im deutschen Kaiserreich. Sie war 333 1/3 Meter lang und es ging ihr der Ruf voraus, besonders schnell zu sein. Erbauer und Direktor der Bahn war der ehemalige Hochradfahrer Adolf Elsner. Am 18. Juli 1909 wurde sie eröffnet und bereits 1910 wurde sie wieder geschlossen. Grund war wohl der fürchterliche Unfall während eines Steherrennen am Eröffnungstag bei dem neun Menschen starben und unzählige schwer verletzt wurden.
  • 1909 bis 1910, erste überdachte mobile Radrennbahn in den Ausstellungshallen nahe dem Zoologischen Garten. Hier fand am 15. März 1909 das erste Berliner Sechstagerennen statt und somit das erste in Europa.
  • sportpalast1911 bis 1973, die Radrennbahn im Sportpalast in Schöneberg war eine 166 Meter lange mobile Bahn aus Holz. Die Bahn wurde von Clemens Schürmann erneuert. Von 1911 bis 1972 war die Radrennbahn im Sportpalast Austragungsort des Berliner Sechstagerennens. Heute steht auf dem Areal des ehemaligen Sportpalasts, der traurige Bekanntheit durch die „Sportpalastrede“ von Joseph Goebbels erreichte, in der er 1943 zum „Totalen Krieg“ aufrief, das Pallasseum, auch Sozialpalast genannt.
  • 1911 bis 1939/1945, Olympiabahn Plötzensee,  eine 400 Meter offenes Oval mit Holzbelag und 6 Kurvenüberhöhung. Die Bahn wurde aus den Resten der Radrennbahn Botanischer Garten montiert. 1919 wurde der Belag durch Beton ersetzt. Die Bahn wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
  • 1913 bis 1934, das Deutsche Stadion war eine offene 666,6 Meter Bahn mit Betonbelag. Sie war 1913 Austragungsort der Amateurwettbewerbe der Bahn-Weltmeisterschaften. Das Stadion inkl. Bahn wurde 1934 abgerissen, um dem Olympiastadion zu weichen.
  • waler-ru%cc%88tt-arena1926 bis 1928, die Walter-Rütt-Arena an der Hasenheide in Neukölln war eine offene 250 Meter Bahn mit 4,5 Meter Kurvenüberhöhung. Die Bahn bestand aus einer Holzkonstruktion und wurde 1928 ein Raub der Flammen. Heute befindet sich an der Stelle der ehemaligen Bahn das Sammelbecken für Regenwasser des Zentralgebäudes des Tempelhofer Flugplatzes.
  • 1926 bis ?, das Stadion Wannsee,  war eine offenen Asphaltbahn mit 475 Meter Länge. Die Bahn diente hauptsächlich dem Training. Das Stadion Wannsee, die Bahn ist auf Luftbildaufnahmen noch zu erahnen, ist heute Spielstätte des LV Wannsee.
  • deutschlandhalle1935 bis 2011, die Deutschlandhalle im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist für die Olympischen Sommerspiele 1936 als Mehrzweckhalle errichtet worden. Sie besass eine permanente 208 Meter lange Holzbahn. 1957 wurde die Bahn erneuert und um sieben Meter verkürzt. Ab 1960 wurden in der Deutschlandhalle mehrere Sechstagerennen durchgeführt. Die Deutschlandhalle wurde 2011 abgerissen und durch den CITY CUBE ersetzt.
  • 1936, die Olympische Radrennbahn war eine provisorische offene Bahn von 400 Meter Länge für die Olympischen Sommerspiele 1936 mit einem Holzbelag. Die Bahn existierte nur zwei Monate lang auf dem Sportplatz des Berliner Sport-Clubs am nördlichen Ende der AVUS existierte. Architekt war Clemens Schürmann.
  • 1946 bis ca. 1960, die Radrennbahn im Werner-Seelenbinder-Sportpark in Neukölln, wurde in reiner Handarbeit durch Aufschüttung von Trümmerschutt als offene Aschebahn errichtet. Die Bahn war 500 Meter lang. 1948 wurde die Aschebelag durch einen Betonbelag ersetzt. Initiiert wurde der Bau vom Sportring Neukölln. Geplant wurde die Bahn von Georg Bremer vergeben, der schon in den 1930er Jahren die Walter-Rütt-Arena gebaut hatte. Am 26. Mai 1946 fand das erste Rennen vor 20.000 Zuschauern statt. Die Radrennbahn war bis 1955 in Betrieb; sie hatte sich als ungeeignet für die damals publikumsträchtigen Steherrennen erwiesen.
  • 1949 bis 1953, die Halle am Funkturm, eine mobile 153 Meter lange Holzbahn. Von 1949 bis 1953 war sie Austragungsort des Berliner Sechstagerennens. Die Halle war klein, und deshalb war auch die Bahn („Zigarettenschachtel“ genannt) kurz und ihre Kurven extrem steil (zwischen den beiden Geraden lagen lediglich 15 Meter).
  • werner-seelenbinder-halle_radrennbahn1950 bis 1992, die Werner-Seelenbinder-Halle, stand in Prenzlauer Berg im Ostteil Berlins, fast genau dort steht heute das Velodrom. Die Bahn in der Werner-Seelenbinder-Halle war 170 Meter lang und hatte einen Holzbelag. Von 1950 bis 1989 fanden in der Werner-Seelenbinder-Halle die Winterbahnrennen statt. Sie galten als DDR-Pendant zu den Sechstagerennen im Westteil der Stadt.
  • Berlin, Radrennbahn, Erˆffnungsfeier1955 bis ca. 1990, die Radrennbahn Weißensee wurde am 25. September 1955 eröffnet. Die 333 Meter lange offene Bahn mit Betonbelag wurde auf dem Gelände der ehemaligen Trabrennbahn Weißensee erbaut und unter Verwendung von Trümmerschutt mit Tribünen für 9000 Zuschauer ausgestattet. Ende der 1980er Jahre wurde das Gelände der Rennbahn auch für Musikveranstaltungen genutzt. Bemerkenswert war das Konzert von Bruce Springsteen am 19. Juli 1988. Im August 1990 traten auf dem gleichen Gelände die Rolling Stones auf. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Radrennbahn abgerissen und durch kleinere Sportplätze ersetzt.
  • scho%cc%88neberg_20051959 bis 2005, die Radrennbahn Schöneberg wurde am 3. Mai 1959 mit Sprintrennen und einem Zweier-Mannschaftsfahren eröffnet. Die Freiluftbahn war nach den Plänen des Architekten Friedrich Schrell errichtet, war 333 1/3 Meter lang und 7,30 Meter breit und verfügte über einen Holzbelag. Die Kurvenüberhöhung von 39°  war ausgelegt für Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h. 1980 wurde die Bahn durch die Münsteraner Architekten Schürmann erneuert. Ab 1999 waren die Tribünen und die Fahrbahn wegen Einsturzgefahr gesperrt. Mit der Errichtung des Velodroms sah der Berliner Senat keinen Bedarf für eine zweite Radrennbahn. 2005 wurde die Radrennbahn trotz Denkmalschutz abgerissen. Heute steht auf dem Areal eine Möbelmarkt.
  • velodromSeit 1997, das Velodrom befindet sich in Prenzlauer Berg am ehemaligen Standort der Werner-Seelenbinder-Halle. Das Velodrom wurde im Rahmen der Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 vom französischen Architekturbüro Dominique Perrault geplant und gebaut. 1992 wurde der Entwurf vorgestellt, Baubeginn war im Juni 1993 – ein Vierteljahr vor der IOC-Entscheidung, die zugunsten von Sydney ausfiel. 1996 wurde das Bauwerk fertiggestellt. Als erste Veranstaltung fand ab dem 23. Januar 1997 das 86. Berliner Sechstagerennen statt. Die offizielle Übergabe erfolgte am 5. September 1997. Die Radrennbahn wurde von Ralph Schürmann aus Münster geplant, ist 250 Meter lang und besitzt einen Fahrbahnbelag aus Holz.
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5 Comments

  1. ein wunderbarer Beitrag, große Klasse!
    Was waren das für Zeiten, als eine Bahn nach der anderen erbaut wurde, wenn auch oftmals mit wenig Bestandssicherung, aber was ist heute? Es gibt kaum mehr Bahnen und die wenigen sind für Freizeitsportler kaum zugänglich. Ich würde so gerne mal auf die Bahn gehen, nicht für harte Wettbewerbe, einfach so, zum Training, es ausprobieren, gerne auch auf einer Beton Freiluftbahn.
    Ich fürchte, da wird sich kaum etwas ändern, es sei denn der Bahnradsport erfreut sich irgendwann einmal wieder größerer Beliebheit, aber das sehe ich derzeit noch nicht 😦

    Gefällt 1 Person

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